23. Oktober 2008
In Deutschland hat Depeche Mode ihre treuesten Fans. Martin Gore, musikalischer Kopf der Band, im Gespräch über sein neues Leben.
Auf der Depeche-Mode-Tour Mitte der neunziger Jahre gab es einen Drogendealer für den Sänger David Gahan und einen Psychiater für den Rest der Band. Was für besondere Dienstleistungen werden Sie nächstes Jahr für Ihre "Tour of the Universe" brauchen?
Hoffentlich nichts Extremes in der Art. Viele Dinge sind heutzutage einfacher. Auf unserer letzten Tour hatten wir Physiotherapeuten, die uns jeden Abend hinter der Bühne massiert haben. Das macht das Tourleben leichter und verringert den Stress. Ich glaube nicht, dass wir zusätzliche Berater oder gar einen Dealer brauchen werden - zum Glück.
Wie wäre es mit einem Mediator, der zwischen Gahan und Ihnen vermittelt?
Auch wenn Sie es nicht glauben wollen: Wir kommen eigentlich ganz gut miteinander klar. Und im Zweifelsfall haben wir einen Manager. Der ist dafür da, uns das Leben zu erleichtern. In heiklen Angelegenheiten setzt er sich mit jedem von uns einzeln zusammen und informiert anschließend alle darüber, was die anderen denken. Bei den wirklich heiklen Fragen jedenfalls.
Was könnte das sein?
Aus jüngerer Zeit fällt mir gar kein Beispiel ein. Eigentlich läuft im Moment alles ziemlich rund.
Woher kommt diese neue Harmonie? Nach so vielen Jahren, in denen von einem Antagonismus zwischen Sänger und Songschreiber die Rede war, von getrennten Garderoben, konkurrierenden Soloprojekten und einem Wettstreit um den Chefposten in der Band.
Da ist viel geschrieben worden. Aber wir haben immer als Demokratie funktioniert. Ich war nie ein Diktator. Jede Entscheidung über all die Jahre haben wir in der Band gemeinsam getroffen. Es hat immer auch Auseinandersetzungen gegeben, in denen ich den Kürzeren zog und Entscheidungen fielen, die mir nicht passten. Dieses angeblich antagonistische Verhältnis zwischen Dave und mir ist unverhältnismäßig aufgebauscht worden. Wenn überhaupt, hat es damit zu tun, dass wir nicht viel Zeit miteinander verbringen, wenn wir nicht arbeiten. Es stimmt nicht, dass wir uns nicht verstehen würden. Wir sind einfach beide keine besonders kommunikativen Menschen.
Wie ist das denn für Sie, dass Gahan inzwischen eigene Stücke schreibt? Immerhin waren Sie mehr als zwei Jahrzehnte allein für den Sound von Depeche Mode verantwortlich.
Für die Band ist das eine neue Arbeitsweise, die ich akzeptieren muss, wenn Depeche Mode weiter existieren soll. Dave ist genauso lange Bandmitglied wie ich und macht inzwischen eigene Sachen. Da ist es nur gerecht, wenn er ein paar Stücke für unser nächstes Album schreibt.
Gefallen Ihnen seine Sachen?
Wir haben bisher zwei Stücke von Dave bearbeitet, und ich bin mit dem Ergebnis zufrieden. Die werden sich auf dem Album gut machen.
Und wie viele Stücke stammen von Ihnen?
Bisher 13.
Haben Sie mal darüber nachgedacht, gemeinsam ein Lied zu schreiben?
Witzigerweise gibt es da tatsächlich etwas, von dem ich noch nicht weiß, ob es wirklich auf dem Album landet. Aber ich habe ein Instrumentalstück komponiert, das Dave gefallen hat, und er hat dazu einen Text geschrieben. Mal sehen, was wir damit machen.
Sie haben wenig miteinander zu tun, wenn Sie nicht gerade im Studio sind oder auf Tour: Dave Gahan lebt in New York, Andy Fletcher in London, und Sie selbst wohnen in Santa Barbara in Kalifornien. Wie muss ich mir so eine Beziehung vorstellen?
Ich finde es normal, wenn zwischen zwei Tourneen Funkstille herrscht, gerade weil wir sonst so viel Zeit miteinander verbringen. Ich werde Dave und Andy in diesem Jahr häufiger sehen als meine Kinder oder meine engsten Freunde. Wenn wir im nächsten Jahr auf Tour gehen, ist es dasselbe. Nach dem letzten Konzert zieht sich dann jeder in seine Welt zurück, und wir sehen uns eine Weile nicht. Das finde ich nur natürlich.
Und dann schreibt man sich gelegentlich eine E-Mail?
Genau.
Sie machen fast dreißig Jahre miteinander Musik. Was sind die anderen Bandmitglieder für Sie? Kollegen? Freunde? Familie?
Das ist eine merkwürdige Beziehung. Ein bisschen wie Familie; manchmal jedenfalls fühlt es sich so an. Es gibt mir Sicherheit, mit den anderen zusammen zu sein. Mittlerweile sind sie Teil meiner Identität.
Sie sind ein Popstar seit Ihrem zwanzigsten Lebensjahr, die Band hat turbulente Zeiten hinter sich, Ihr Sänger hätte diese Wahnsinnskarriere wegen seiner Drogensucht beinahe nicht überlebt. Jetzt gehen Sie auf die Fünfzig zu. Was ist für Sie das Wichtigste, das Sie gelernt haben?
Ich habe vor zweieinhalb Jahren mit dem Trinken aufgehört. Mir ist klar geworden, dass Alkohol mir nicht gut bekommt und mein Leben erheblich verkürzen könnte. Das war eine wichtige Erkenntnis, und ich habe lange gebraucht, um so weit zu kommen. Seitdem bin ich diese Panikattacken los und fühle mich nicht mehr ständig, als müsste ich sterben. Das ist echt schön. Bevor ich mit dem Trinken aufgehört habe, hatte ich jeden Tag Panikattacken. Grauenvoll.
Der "Independent" hat mal geschrieben: Mit Depeche Mode nicht über Exzesse zu reden ist wie der Versuch, in einem Gespräch mit Schafen das Thema Wolle zu vermeiden. Was sind die Depeche-Mode-Exzesse von heute?
Jetzt im Studio haben wir eine gewisse Besessenheit für Tischfußball entwickelt. Wir haben drei Mannschaften und bilden eine Liga. Jeden Tag wird gespielt, immer nach dem Mittagessen, jeder gegen jeden. Ich bin in einer Mannschaft mit dem Programmierer, Andy mit dem Techniker und Dave mit dem Produzenten.
Und? Wie läuft's?
Die bisherigen beiden Runden hat mein Team gewonnen. Im ersten Durchgang hatten wir leichtes Spiel. Dann haben die anderen die Regeln verschärft: Jetzt müssen wir nach fünf Toren die Positionen wechseln, der Angreifer übernimmt die Verteidigung. Ich habe eigentlich immer vorne gespielt und massenweise Tore geschossen. Im zweiten Durchgang hatten wir deshalb einen schlechten Start. Aber wir haben aufgeholt und wieder gewonnen.
Sind Sie denn jetzt alle drei nette, ganz normale Familienväter? Fast ein bisschen langweilig?
Wir bringen wirklich viel Zeit damit zu, über unsere Kinder zu reden. Andy und ich haben Kinder in der Pubertät, zwei Töchter fast im selben Alter. Also reden wir über die Mädchen und geben einander Ratschläge.
Und trotz allem: 28 Jahre Düsternis, Jammer und Leid?
Nicht ganz 28 Jahre. Sie können "Speak and Spell" nun wirklich kein düsteres Album nennen. Aber klar: Wir haben dunkler Musik eine ziemlich lange Karriere zu verdanken. Ich denke trotzdem, dass unsere Lieder auch aufbauend sind. Da steckt immer Hoffnung drin. Die Fans verstehen das. Ich finde unsere Musik nicht deprimierend.
Was inspiriert Sie eigentlich?
Das können zu unterschiedlichen Zeitpunkten ganz verschiedene Dinge sein. Im Moment konzentriere ich mich auf unser nächstes Album. Das wird, wie einige Platten der Vergangenheit, wieder eine starke spirituelle Dimension haben.
Ist das Ihre persönliche Spiritualität?
Zum Teil. Für die Lieder, die ich schreibe, mag das gelten. Es hat auch viel mit der Chemie innerhalb der Band zu tun. Aber meine Songs kommen natürlich irgendwoher. Ich weiß selbst nicht genau, von wo.
Was soll das heißen? Wie arbeiten Sie denn?
Normalerweise schaffe ich eine gewisse Atmosphäre, und dann geht es los. Zuletzt habe ich vor allem mit Computern und Synthesizern gearbeitet, früher auch oft mit Klavier oder Gitarre. Ich brauche irgendwas, um dazu zu singen. Die Worte und die Melodien kommen dann einfach. Irgendwoher, vielleicht aus einer Art Bewusstseinsstrom, vielleicht ist es etwas, in das man eintaucht. Vor vielen meiner Texte sitze ich hinterher selbst und denke darüber nach, was die Zeilen bedeuten könnten. Nie andersrum. Ich starte nicht mit einer Idee und überlege dann, wie ich sie in Worte fassen könnte.
Können Sie einen Depeche-Mode-Song schreiben, wenn Sie glücklich sind?
Ich glaube schon. Ich bin zur Zeit ziemlich glücklich. Ich weiß zwar nicht, ob man die Musik, an der wir gerade arbeiten, glücklich nennen kann. Aber die Stücke sind sicherlich positiv und hoffnungsvoll.
Was könnte das Ende für Depeche Mode bedeuten?
Ich hoffe nicht, dass es dazu kommt. Solange wir Musik machen, die uns gefällt und die wir in etwa so gut finden wie die Sachen, die wir in der Vergangenheit gespielt haben, wünsche ich mir, dass wir weitermachen. Ich habe meine Liebe für die Musik entdeckt, als ich zehn Jahre alt war und die alten Rock-'n'-Roll-Singles meiner Mutter hörte. Es hat nie in meinem Leben etwas anderes gegeben, für das ich mich auch nur ansatzweise so begeistert hätte.
Das Interview führte Julia Schaaf.
FAZ
Elektro-Pionier
„Es ist besser, wenn wir das Interview nicht auf Deutsch machen“, sagt Martin Lee Gore zur Begrüßung in fehlerfreiem Deutsch: Immerhin hat der musikalische Kopf von Depeche Mode, Jahrgang 1961, in den achtziger Jahren zeitweilig in Berlin gelebt. Frühe, ewige Hits der Synthie-Popper wie „People are People“ wurden sogar in Blickweite der Mauer aufgenommen. Da hatte Gore seine Lehre als Bankkaufmann längst abgebrochen, um das musikalische Profil einer Band zu prägen, die anfangs von vielen belächelt wurde, heutzutage aber zu den Pionieren elektronischer Musik zählt. Dem Kultstatus von Depeche Mode, 1981 gegründet und nach einem französischen Modemagazin benannt, konnten selbst schwere Krisen, längere Pausen und interne Konflikte nichts anhaben. Drogenexzesse hätten Sänger David Gahan in den neunziger Jahren beinahe das Leben gekostet.
Ihre treuesten Fans haben Depeche Mode in Deutschland, wo seit mehr als 15 Jahren regelmäßig große Partys stattfinden, auf denen nur Depeche Mode gespielt wird. Folgerichtig plant die Band auch bei ihrer „Tour of the Universe“ im nächsten Frühjahr in Deutschland deutlich mehr Konzerte als in anderen Ländern. Zur Zeit nehmen Martin Gore, David Gahan und Andrew Fletcher ein neues Album auf - ihr zwölftes. Gore, der in Kalifornien lebt, ist geschieden und hat drei Kinder. Termine: 2. Juni Hamburg, 4. Juni Düsseldorf, 7. Juni Leipzig, 10. Juni Berlin, 12. Juni Frankfurt, 13. Juni München.